Abendmahlsgottesdienst am 18. Juni

Predigt von Dr. Bruners

Sonntag, 13. Juli 2014
Monika Herkens

Predigt von Dr. Bruners

Abendmahlsgottesdienst während der Heiligtumsfahrt 2014
in Mönchengladbach-Rheydt am 18.06.

Verehrte Schwestern und Brüder im gemeinsamen Glauben an Jesus, den Christus!

Ich spüre den Kuss noch heute. Und dazu höre ich die Worte: „Sie sind ein wirklicher Bruder!" Diesen nachhaltigen Kuss, eigentlich ein ökumenischen Kuss, bekam ich von einer Benediktinerin. Wie kam es dazu?
Ich hatte mich in einem Benediktinerinnen-Kloster für ein paar Tage eingemietet Als ich dort ankam, an einem Sonntagnachmittag, herrschte im Kloster große Aufregung. Am Morgen hatte ein Jugendpfarrer zwei evangelischen Ordensfrauen die Kommunion verweigert. Er hatte den beiden Ordensfrauen durch die Sakristanin mitteilen lassen, er wünsche nicht, dass sie zum Kommunionempfang kämen. Die beiden Schwestern befanden sich in der Exerzitienbegleitung durch eine Benediktinerin. Dazu gehörte auch die tägliche Eucharistiefeier. - Ich kannte die beiden evangelischen Ordensfrauen aus Israel und hatte sie dort schon einmal selbst in Exerzitien begleitet. Sie waren durch das Verhalten des Priesters zutiefst verstört und verletzt. Gott sei Dank wechselte am Montag der Priester in jenem Kloster. Der hatte eine offenere Haltung. Aber die beiden Schwestern waren so skandalisiert, dass sie nicht mehr am Kommunionempfang teilnehmen wollten. Ich habe lange mit den Schwestern gesprochen. Am Ende haben wir entschieden, dass ich mit ihnen meine Hostie teilen würde. Und so haben wir drei dann in der Bank miteinander das eucharistische Brot geteilt.
Als ich die Kirche verließ, kam die Benediktinerin, die die beiden Schwestern in den Exerzitien begleitete und bat mich, mich etwas zu bücken. Sie war recht klein. Und da gab sie mir den Kuss, über den ich mich bis heute freue und hörte das Wort: Sie sind ein wirklicher Bruder!
Ein monastisch-ökumenischer Kuss.
Eine zweite Begebenheit fällt mir ein: Es war bei einem Abendgottesdienst in der Stadtkirche am Alten Markt in MG. Nur wenige Menschen waren an diesem Winterabend in die Eucharistiefeier gekommen. Im schlecht erleuchteten Hintergrund sah ich eine zusammengekauerte Gestalt, die sich während des ganzen Gottesdienstes kaum bewegte.
An jenem Abend hatte ich die Berufung des Matthäus aus dem Matthäus-Evangelium zu verkünden (vgl. Mt 9, 9- 13). Matthäus, den Jesus vom Zolltisch an den Esstisch ruft! Auf die Anwürfe einiger kritischer Beobachter antwortet Jesus: „Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer!...".
Ich liebe diese Stelle sehr und habe an jenem Abend auch eine kurze Homilie dazu gehalten. Zur Kommunion löste sich nun diese dunkle Gestalt aus dem Hintergrund und schwankte nach vorne. Ich war noch sehr unerfahren im Umgang mit solchen Situationen. Aber mir war klar, dass ich ihm, einem uns in der alten Hauptpfarre bekannten Bettler, die Kommunion nicht verweigern durfte. Als ich sie ihm reichte, schaute er mich an und sagte: „Ich habe Hunger, Herr Pfarrer! Bekomme ich nach der Messe auch noch ein Butterbrot."
Später haben wir dann im Pfarrhaus zusammen das Abendbrot eingenommen. Er hat mir seine dunkle Lebensgeschichte erzählt.

Liebe Schwestern und Brüder,
niemals dürfen wir beim Abendmahl einen Menschen, der uns seine offenen Hände entgegenhält, ausschließen.
Denn DU deckst mir, deckst uns den Tisch. Wir sind Deine Gäste und nicht umgekehrt. Das Evangelium selbst verbietet es uns, wenn wir denn überhaupt die Mahlpraxis Jesu verstanden haben. Da, wo Kirchen so etwas tun, widersprechen sie Jesus selbst, der nicht einmal einen Judas oder Petrus von der Gemeinschaft des letzten Abends ausgeschlossen hat.
„Der Herr der Heere wird ... für alle Völker ein Festmahl geben mit feinsten Speisen... Er zerreißt... die Hülle, die alle Nationen verhüllt, und die Decke, die alle Völker bedeckt...! (Jes 25, 6ff.) Heute müssen wir leider auch sagen: Der Herr zerreißt, hoffentlich bald, die Hülle, die sich auf die Kirchen gelegt hat, auf meine katholische besonders, die immer noch mit einer fragwürdigen Entziehungspraxis einen gemeinsamen eucha-ristischen Tisch verhindert. Heile Du uns, Gott, von dieser chronisch-geistlich-geistigen „Bindehautentzündung", die uns blind macht für das allein Notwendige. - Die Sakramente insgesamt dürfen nicht pädagogisch missbraucht werden, sagt auch der Bischof von Rom, Papst Franziskus. Denn: DU deckst uns den Tisch. Über die geladenen Gäste haben wir kein Verfügungsrecht.
Jesus wollte durch seine Mahlpraxis des Teilens in Erinnerung bleiben und nicht durch Exkommunikation. Das muss sich uns neu einbrennen in unser kollektiv-kirchliches Gedächtnis.
Jesus hatte mit dieser Mahlpraxis, die alle mit ein schloss, in Galiläa begonnen. Er hatte damit früh Irritation und Verstörung bis hin zum Protest ausgelöst. „Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?", fragen die Theologen. Jesus „hörte es und sagte: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Darum lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer. Denn ich bin gekommen, um Sünder zu rufen, nicht Gerechte." (Mt 9, 11- 13) Dieses Wort hat an Aktualität nichts verloren. Aber wir dürfen es nicht an den Binnenraum einer einzigen Kirche binden, wir müssen es befreien zu einem Wort an die Gemeinschaft der Kirchen – und letztlich sogar darüber hinaus.
Aber der Anspruch Jesu ging – auch geographisch - weiter, blieb nicht auf Galiläa beschränkt. Er fordert die Theologie seiner Religion im Zentrum heraus. Er zieht nach Jerusalem und will den Tempel in Jerusalem zu einem „Haus des Gebetes für alle Völker" machen. Damit nimmt er seiner Religion den einzigen Tempel, den sie hatte und erweitert ihn zu einem Haus, in dem alle Platz haben sollen – Israel und die Völker, mit dem „Opfer der Lippen", also im Gebet, ohne Massentierschlachterei. Damit stellte er sich in die Visionen mancher Propheten, etwa des Propheten Jesaja, der uns zwei wunderbare Texte vom gemeinsamen Mahl aller Völker geschenkt hat (vgl. Jes 25, 6 – 8; 2, 1 - 5). Oder vom Propheten Sacharja (Zacharias), der von einer Wallfahrt der Völker zum Laubhüttenfest nach Jerusalem träumt. Im Buch dieses „kleinen Propheten" Sacharja finden wir folgende Sätze:
„ An jenem Tag wird auf den Pferdeschellen stehen: Dem Herrn heilig. Die Kochtöpfe im Haus des Herrn werden gebraucht wie die Opferschalen vor dem Altar. Jeder Kochtopf in Jerusalem und Juda wird dem Herrn der Heere geweiht sein. Alle, die zum Opfer kommen, nehmen die Töpfe und kochen in ihnen. Und kein Händler wird an jenem Tag mehr im Haus des Herrn der Heere sein" (Sacharja 14, 16 -21). –
Dieses Fest, davon ist dieses prophetische Wort überzeugt, wird die Grenzen zwischen sakral und profan, zwischen „rein" und „unrein", und, noch wichtiger, zwischen Israel und den Völkern, aufheben – der Tempel wird zum Haus der Gebetes für alle Völker ohne Eintrittsbedingungen. Ein „ökumenischer" Tempel, in dem alle Hausrecht habe, weil sie alle Kinder des Einen sind – mit und ohne Beschneidung oder Ritualgesetze. Denn DU deckst uns den Tisch! Diese Vision greift Jesus in einer symbolischen Handlung auf und will sie in Wirklichkeit überführen. Das verstanden die Schriftkundigen des Tempels sehr wohl. Sie hielten allerdings die Zeit nicht für gekommen, so weit zu gehen. Und schon gar nicht mit einem galiläischen Wanderprediger. Außerdem wäre es das Ende ihrer Kariere im Tempel gewesen... Und so beschließen sie seine Beseitigung. Jesus ist für sein ökumenisches Engagement über Israel hinaus auf die Völker hin in den Tod gegangen. Er wollte die Feindschaft zwischen Israel und den Völkern überwinden. Im Epheserbrief (vgl. Eph 2, 11 -22) finden wir dazu wunderbare Sätze:
„11Darum erinnert euch, dass einstmals ihr, die Völker, die ihr am Fleisch Unbeschnittene genannt wurdet... abseits vom Messias wart; geschie¬den von der Israelbürgerschaft und fremd den Bünden der Verheißung; der Hoffnung bar und ohne Gott in der Welt. 13Nun aber, in Eins mit dem (jüdischen) Messias Jesus, seid ihr, die einst Fernstehenden, zu Nahestehenden geworden - im Blut des Messias.
14Denn: Er ist unser Friede.
Er, der aus den beiden eins gemacht
und die trennende Mauer - die Feindschaft – aufgelöst (hat)...
17Und als er kam, kündete er die Heilsbotschaft des Friedens: euch - den Fernstehenden - und uns, den Nahestehenden. 18Denn durch ihn haben wir Zugang zum Vater: wir beide, in einem Geist. 19Also seid ihr nun nicht mehr Fremdlinge und Bei¬sassen, sondern ihr seid Mitbürger der Heiligen und Hausge¬nossen Gottes - 20aufgebaut auf dem Grundstein der Sendbo¬ten und Propheten. Und der Eckstein dazu ist der Messias Jesus. 21In Eins mit ihm wird der ganze Bau sich zusammenfü¬gen und hinwachsen zu einem heiligen Tempel im Herrn. In Eins mit ihm werdet auch ihr miteingebaut in eine Behausung Gottes im Geist."

Jesus hat damals nur eine kleine Schar von Menschen gefunden, die mit ihm diesen mutigen Weg der Versöhnung zwischen Israel und den Völkern gegangen sind. Aber er gibt seine prophetische Vision nicht auf, er bleibt dabei und wird mit dem Kreuz bestraft. Das ist wirklich ein „für uns", damit wir endlich die menschlichen Grenzen sprengen und in jene göttliche Offenheit gehen, für die Jesus eingetreten ist. In Jerusalem hat schließlich römische Gewalt den Tempel zerstört. Aber Jesus hat, wie alle Evangelisten bezeugen, seine Vision „senfkornklein" im Abschiedsmahl am Abend vor seinem Tod verwirklicht. Er nahm das Brot, segnete es, brach es und verteilte es an seine Freunde: Nehmt und esst. Wenn ihr so tut, so miteinander teilt und Euch an mich erinnert, dann bin ich mitten unter Euch. Ihr selbst seid mein Leib, mein Herzblut. Wer euch sieht, sieht mich. Und wer mich sieht, sieht den Vater.
Es war Jesus zwar nicht möglich, den jüdischen Tempel zu einem „Haus des Gebetes für alle Völker" zu machen – der Versuch kostete ihn das Leben -, aber er baute einen lebendigen Tempel aus Menschen, aus Juden und Nichtjuden. Das neue Haus Gottes. Bedingungslos.

Kurt Marti, der Dichterpfarrer, schreibt: Die „Kirche des Geistes sind unsere Körper".

körperkirche

die kirche
des geistes
sind unsere körper
(schrieb der epileptiker
einst nach korinth)

darum dann:
umarmungen küsse
und heilige mähler
erst später:
kirchen aus stein

Kirchen aus Stein haben wir wunderbare, großartige, wie auch diese Kirche hier. Aber sie dürfen nicht zum Grab Gottes werden.
Mit zerrissenen Tischtüchern, mit dem bleibenden Konfessionschaos, würde schließlich alles in der Fäulnis verdorbener Speisen enden, die keiner mehr essen mag. Vielmehr lasst uns Mahl halten in der Einfalt des Herzens mit dem frischen Brot und dem Wein der Eucharistie. Am Tisch, den Gott uns gedeckt hat mit dem Tisch-Tuch der Einheit. Und uns dabei dankbar erinnern an den, der dem Dauer-Einwand der Priester und Theologen „wir sind noch nicht soweit" – sein Immer-ich-bin-soweit, „ich fange damit heute an!" entgegenhält. Denn „ jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde/heute wird getan oder auch vertan/ worauf es ankommt,/ wenn er kommt!" ER ist gekommen. Und ER ist jetzt da. Hier! Und Heute! Am gemeinsamen Tisch. Gedeckt mit dem Tischtuch, das allen gehört – über diese Stunde hinaus. Dank sei Gott! Dank sei den evangelischen Schwestern und Brüdern, die uns Katholiken mit ihrer Teilnahme an dieser Heiligtumsfahrt mit großen Schritten entgegen gekommen sind.
Mit einem wunderschönen Tischtuch. Und das Wort „Exkommunikation" soll dort ein Fremdwort sein. Dank sei Jesus, dem Christus, der uns diese gemeinsame Stunde schenkt. Denn: DU deckst uns den Tisch! - Amen