Die Predigt des Abendmahlstuchs.

Ansprache zur Heiligtumsfahrt Mönchengladbach 2014

Sonntag, 22. Juni 2014
Monika Herkens

Ansprache zur Heiligtumsfahrt Mönchengladbach 2014

Jes 25, 6-8, Ps 23, 5 und Mk 14,12-17

Liebe Pilgergemeinde,

in meiner Gemeinde in Heimbach liegt außerhalb des Gottesdienstes nie ein Altartuch auf dem Altarstein. Die dortige Salvatorkirche hat ihr Patrozinium am Gründonnerstag/ Karfreitag und hält diese Stunde das Jahr über lebendig. Der Stein ist nackt, wie ein 'Eckstein eben; der Altar wird wie zu Karfreitag stets neu gedeckt, er wartet auf die Zubereitung. Und nach der Messfeier wird das Altartuch wieder zusammengefaltet und verschwindet im Sakristeischrank. Je neu wird die Stunde des Gründonnerstag wachgerufen, gerät die gegenwärtige Gemeinde 'live' hinein in die Stunde der Selbstverausgabung Jesu. Das Abdecken des Altars durch die Messdiener am Gründonnerstag ist auch in Gemeinden, die den Altar stets gedeckt halten, ein eindrucksvoller Vorgang.Wir halten ihm nur den Platz offen, schaffen die vorbereitete Umgebung. Wird das Wunder je neu geschehen? Erwarten wir Gäste, erwarten wir einen Gastgeber? Und was will er von mir, was will er mir von diesem Tuch aus immer wieder reichen?  Das Wunder göttlicher Gegenwart ist keine Selbstverständlichkeit, mit der wir rechnen können, die sich automatisch einstellt wie das 'Amen' in der Kirche. Der Tisch steht nicht immer bereit, er sucht Ministranten, die dem Wunder eine Umgebung vorbereiten, „nur“ ein Tischtuch ausbreiten und dann warten, was sich ereignet... Das Fest braucht eine bescheidene Unterlage und den langen Atmen zu warten, was geschieht.

Im Alltag, vor allem wenn ich (viel zu) schnell und allein esse, ziehe ich die Wachstuchdecke vor. Da kann man kleckern und bröckeln, da kann man auch mal was vergießen, da kann was überlaufen... Essen geschieht dann unter seiner Würde, nur als rasches Fastfood, Nahrungsaufnahme bei Gelegenheit: da reichen Wachstuch und Pappkartonteller beim Imbissstand. Feines Leinentuch signalisiert eine besondere Stimmung, hat etwas Feierliches und verlangt Waschen und sorgfältiges Bügeln. Man isst auf solchen Stoffen vorsichtig, andächtig, manchmal gehemmt. Jeder Fleck wird einem peinlich.

Hausfraulich sollen die Jünger das Obergemach von Jerusalem herrichten. Es ist ein angemieteter profaner Raum. Doch darin wird sich Überzeitliches vollziehen. Das ahnen die ministrierenden Jünger nicht. Jetzt in der Stunde des Abschieds Jesu, des Pascha, ist auch Zeit für die Tischdecke, das Leinengewebe, die Liebe zum Accessoire. Da werden Details wichtig, das schöne Drumherum, das Vordergründige, die bloße Oberfläche der Tischplatte, auf der dann unvorstellbar Tiefgehendes sich ereignen wird.

Das Tischtuch aus Leinen zeigt Stil. Essen ist auch Ritual der Sammlung, keine bloße Sättigung im Vorbeigehen. Wir lassen uns nicht abspeisen, sondern beschenken. Das Letzte Abendmahl braucht also ein Tuch, vielleicht war es gleißend weiß, wie es sich die Maler vorstellten. Auch das geistliche Leben braucht 'Stoff', ein Gewebe von Texten - Erzählungen und Erinnerungen - und Zeichen. Da geht es anders zu als beim seltsamen Fastfood des Volkes Israel, dem Aufbruch Hals über Kopf  aus dem Sklavenhaus Ägypten. Auch das Wüstenbrot des Elija, immerhin vom Engel serviert, liegt auf dem Boden, in der Asche - nichts von gemütlichem Wüstenpicknick. Es muss schnell gehen. Und das heilige Frühstück am See von Tiberias wird von Christus aus flugs vom Kohlenfeuer aus serviert. Aber im Abendmahlssaal wird ein Fest, ein Abschied gestaltet, vielleicht das Paschamahl. Die Ruhe vor dem Sturm - sie wird festlich zelebriert; da wird ein Testament eröffnet, ein Denkmal auf der Tischdecke aufgerichtet und dann zerlegt, zerrissen, zerteilt. Auf dieser Decke macht sich Gott klein, handlich und essbar. Auf diese Decke fällt der liebe Himmel. Das Tuch wird zum Ort der schönen Bescherung, zum Gabentisch. 

Die Jünger decken dem Herrn den Tisch vor den Augen seiner Feinde. Und diese Feinde sind nicht nur 'die da draußen' in der bösen Welt; sie sitzen mit am Tisch, sie teilen die Communio des Mahles; zwar mit von Jesus gereinigten Füßen, doch mit zweideutige Händen und undurchschaubaren Herzen. Jünger haben Verrat im Sinn oder versprechen Treue, die sich nicht einhalten werden. Da gibt es einen (Judas), der innerlich das Tischtuch zwischen seinem Herrn und sich zerschnitten halt, unterwegs ist zu ganz anderen Ufern; einer, der trotzdem mitisst. Ein Tischtuch zwar und ein Brot, aber eben auch eine zerrissene Situation. Jesus hält die Verbindung auch zu denen, die dabei sind, das Tischtuch zu zerschneiden, die Verbindung aufzulösen, eine alte Freundschaft zu kündigen und die alte Liebe abkühlen zu lassen. Er will das einen, was sich entzweit hat und wieder an einem Tisch zusammenführen, was unter Gottes Augen zusammen gehört. Darum erinnert der kleine Stoff  auch an manches Tischtuch, das wir Menschen zerschneiden, an Brücken, die wir abbrechen, an die Notwendigkeit, dass uns ein Versöhnungmahl wieder zusammen kittet.

Und dabei wird sich auf dieser Tischdecke kein kulinarisches Prassen abspielen, kein Prassen und kein lautes Sich-Zuprosten. Das Abendmahlstuch erzählt lautlos die leise Geschichte göttlicher Verausgabung. Nur für die Augen des Glaubens ist das Bescheidene, was Jesus auf diesem Tuch ausbreitet, eine extravagante Speise, ein Lebenstrunk.

Menschen bereiten, ohne es zu ahnen, dem demütigen Wunder eine festliche Grundlage, einen weißen lichten Rahmen. Das Abendmahlstuch ist ein adventliches Zeichen, nonverbal, stumm, erwartungsvoll. Gedeckt wird damit ein 'Tisch der Wünsche', mehr noch: ein Tisch, an dem mehr als nur Bedürfnisse befriedigt werden. Kommt da jemand, dem wir das Tuch ausbreiten? Einer, der uns hier und jetzt genauso nahe kommt und auf den Leib rückt wie damals im fernen Jerusalem? Auf dieser Decke wird kein Wunschgericht aufgetischt, sondern eher „Schwarzbrot des Glaubens“, ein fast geschmackloses, nicht sättigendes, doch essbares Versprechen: Sein „Bei-uns-Bleiben“ wird uns serviert.

Es liegt etwas in der Luft; und darum liegt ein Tuch auf dem Tisch in Erwartung dessen, was da kommen soll... Es wird ein leises, andächtiges Fest geben.Um dieses Tuch sammelt sich Kirche, - egal ob sie liegend – was wahrscheinlich ist – oder sitzend dabei war - oder bereits auf dem Sprung. Wir halten das Tischtuch hin, damit sich das Wunder des „Ich-bin-da!“ vollzieht.

ER sucht und braucht einen Ort, von dem aus er Liebe geben kann. Darum erinnert das Abendmahlstuch die Maler an das Tüchlein, das Maria auf dem Boden oder einer Auflage ausbreitet, als Jesus zur Welt kommt und es ihm an einer Unterlage mangelt. Darum erinnert es auch an das Leichentuch, in das Er hinein gehüllt wird, als er vom Kreuz herabgelassen wird, ein Tuch, das wie ein Vorhang, „Hinter-Hang“ wirkt, eine textile Monstranz für Seine nackte Realpräsenz, eine Hülle für das Weizenkorn, das auf die Erde fällt. Der Abendmahlssaal – in diesen Tagen ein Zankapfel zwischen den Religionen - ist das „Restaurant Gottes“, ein Ort stiller Bedienung von Menschen (Eva Demski), die 'es' nicht verdient haben, bedient zu werden. Hier geschieht Endgültiges, wird ein Neues Testament eröffnet. Haben die Jünger diese Überraschung 'verdient'? Haben sie verstanden, was sich auf dem Abendmahlstuch abspielt? Oder bleibt ihnen das Geheimnis dieser Stunde genauso verborgen wie uns – sagen wir – der Purpurmantel Jesu, den man in MG nicht zeigt, dessen Dasein man nur glauben kann?

Willst du, Mensch, ein bescheidener Ort sein, von dem aus Seine Leibe ausgeteilt wird? Eine Stelle, an der sich andere mit mir versammeln, um ein Geheimnis zu feiern, das es nicht auf dem Weg der Selbstbedienung zu haben gibt?

Willst du, Mensch, dich scheu annähern und Platz nehmen an diesem Tisch, willst du mitgenommen werden in diese Geschenkübergabe. Wollen wir näher zusammen rücken, damit alle Platz finden und Er unsere Mitte sein kann? den Tisch teilen mit dem seltsamen göttlichen Gastgeber, der sich dir unter Zeichen auftischt? Wird diese Portion Gottes-Speise sättigend sein, wird sie mich hungrig machen, enttäuscht zurücklassen? Hätte ich mir ein anderes Denkmal gewünscht als das, was er auf die Tischdecke dieses fremden Hauses in Jerusalem legte?

Wir sollen dem ähnlicher werden, was wir betrachten. Das gilt auch von Bildern und Reliquien. Sie geben dem Glauben zu denken. Werden wir im Blicken auf das Abendmahlstuch selbst zu einer Stelle, auf die er sich heute legt? Werde ich zu einer Stätte der Stärkung und Verwandlung, zu einem Schnittpunkt zwischen Himmel und Erde. Gebe ich Ihm Gelegenheit, mich zu berühren und zu imprägnieren, mich Ebenbild aufzusuchen, mich nicht nur an der Oberfläche Christ sein zu lassen? Kann man mir ansehen, dass auch mir ein Wunder geschieht, wenn ich mich vor Ihm ausbreite und seinem Wunder den Ort und die Wege bereite, wenn er sich auf mich legt im Segen und in mich hineinbegibt in dem, was wir „Kommunion“ nennen?

 

Das Abendmahlstuch von MG gehört zu den 'alten Schätzen' des Münsterschatzes, „heilige Kleinodien“, kunstvoll gewoben, legendenumwoben, mit Ursprüngen in uns unzugänglicher Vorzeit. Doch ist es nur ein Fragment (ein weiteres liegt in Wien als Teil der Reichsinsignien), zwar kein zerrissener Fetzen, aber doch nur ein Teil vom Ganzen, eine Stoffreliquie, die über sich hinaus weist und die doch für das Ganze steht. Wo ist der Rest? Hat er sich verteilt? Ging er verloren, wurde er von Motten zerfressen, von Feuer und dem Zahn der Zeit vernichtet? Brauchen wir solche stillen Stoffe oder lenken sie uns vom sog. Eigentlichen ab? 

Auch das Brot, das auf dem Jerusalemer Abendmahlstuch lag, bleibt nicht „ganz“, es gewinnt gerade als Fragment seine Würde. Es ist gut so, dass wir 'nur' ein Stück vom Ganzen haben. Wir empfinden es auch nicht als Torso, als Textilruine. Sicher, das Tuch mahnt auch, ist ein Bußruf und erinnert an Schuld, Versagen, an den Schmerz der Passion. Es bannt nicht unsere Blicke. Wir können es gut für sieben Jahre wieder im Schrein in Ruhe lassen. Das Stück weist über sich hinaus, lässt nach 'mehr' suchen. Nach dem, was mich wirklich sättigt und zugleih hungrig macht. Das Fragment lässt unsere Erwartung in der Schwebe halten. Wir haben noch nicht das Ganze, wir sind noch nicht am Ziel, feiern nicht uns selbst, auch nicht unsere Frömmigkeit und unser Engagement. 

 

Das Tuch steht für das Wenige, was wir tun können. Ein Tuch macht nicht satt, auch wenn das Auge mitisst.

ER deckt den Tisch, Er macht das Tuch zur Tischdecke.Wir sind ohne den unerfüllt, der uns bei sich Platz nehmen lässt. Das Mahl im Reich Gottes steht noch aus. Wir gehen auf 'mehr' zu. Am Ende ist Er Gastgeber, der sich aller Welt auftischt. Das Fragment des Abendmahltuches hält die Ahnung wach, dass uns am Ende auf dem Berg Zion ein Mahltuch ausgebreitet wird an einer Tafel, die allen Platz ermöglicht. Alles, was wir tun und feiern, ist ja nur Bruchstück, Versuch, Vorgriff, Vorgeschmack, manchmal eine zu gut gemeinte Liebesmüh'... Nähern wir uns also dem Tuch an und dem, dem wir eine Unterlage bieten. Und halten wir die Verwandlung und Veränderung für möglich, die uns von diesem Ort aus angeboten wird.

                                                                                              Kurt Josef Wecker